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After the Rain

Fandom: F1

Created: 6/27/2026

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FantasyMysteryDramaAngstHurt/ComfortFix-itMagical RealismCharacter Study
Contents

Schatten im Fahrerlager

Das grelle Licht von Monaco spiegelte sich auf der Wasseroberfläche des Hafens, doch Lia sah es kaum. Ihr Blick war auf das kleine Café am Rande der Rennstrecke fixiert, in dem die Motoren der Formel-1-Wagen wie ein fernes, stetiges Gewitter grollten. Es war Donnerstag, der Tag der Medientermine, und die Stadt vibrierte vor Energie.

Lia rührte geistesabwesend in ihrem Espresso. Sie liebte Monaco, die Ruhe der Nebensaison, die schmalen Gassen, in denen sie als Innenarchitektin oft Inspiration fand. Aber während des Grand Prix verwandelte sich ihr Zuhause in einen Ameisenhaufen. Und für jemanden wie sie bedeutete das vor allem eines: Lärm. Nicht nur der Lärm der Motoren, sondern auch das Flüstern derer, die niemand sonst hörte.

Sie war gerade dabei, ihre Tasche zu packen, als er ihr das erste Mal auffiel.

Zuerst sah sie nur Lando Norris. Er trug seinen typischen McLaren-Hoodie, die Kapuze tief im Nacken, und lachte über etwas, das sein Medientrainer ihm erzählte. Er wirkte jung, fast noch wie ein Kind, trotz des immensen Drucks, der auf seinen Schultern lastete. Lia kannte sein Gesicht von Plakaten und aus den Nachrichten, aber sie hatte sich nie sonderlich für den Sport interessiert.

Dann sah sie den Mann hinter ihm.

Er trug Jeans und ein schlichtes, dunkles Hemd. Sein Haar war dunkel, sein Gesichtsausdruck von einer Ruhe geprägt, die so gar nicht zu der Hektik des Fahrerlagers passte. Er ging direkt hinter Lando, hielt jedoch einen respektvollen Abstand von etwa einem Meter.

Lia erstarrte. Der Mann war kein Tourist. Er war kein Mechaniker. Er war... transparent. Nicht so, wie man es aus billigen Horrorfilmen kannte, sondern eher wie eine Hitzewelle über dem Asphalt – ein wenig verschwommen an den Rändern, aber dennoch unverkennbar präsent.

Was ihn jedoch von all den anderen Geistern unterschied, die Lia in ihrem Leben gesehen hatte, war sein Fokus. Normalerweise irrten die Verstorbenen ziellos umher oder starrten ins Leere. Dieser Mann jedoch wich Lando nicht von der Seite. Sein Blick war wachsam, fast schon väterlich, und voller Sorge.

Lando blieb stehen, um ein Autogramm zu geben. Der Geist blieb ebenfalls stehen. Er legte eine Hand auf Landos Schulter – oder zumindest dorthin, wo die Schulter eines lebenden Menschen gewesen wäre. Seine Finger glitten durch den Stoff des Hoodies, ohne Widerstand zu finden, aber die Geste war voller Zärtlichkeit.

Lia spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie versuchte, wegzusehen, sich auf ihren Kaffee zu konzentrieren, doch ihre Neugier war stärker. Sie beobachtete, wie der Geist den Kopf hob.

Und plötzlich sah er sie direkt an.

Lia hielt den Atem an. Geister bemerkten sie selten, es sei denn, sie suchten aktiv nach Kontakt. Aber dieser Mann schien ihre Anwesenheit sofort zu spüren. Sein Blick war intensiv, forschend. Er runzelte die Stirn, als könne er nicht glauben, was er sah.

Er flüsterte etwas, das Lia nicht hören konnte, und machte einen Schritt auf sie zu. Lando ging weiter, weg in Richtung der Boxengasse, doch der Geist zögerte. Er sah zwischen dem Rennfahrer und Lia hin und her. Schließlich entschied er sich. Er folgte Lando, warf Lia aber über die Schulter einen Blick zu, der eine stumme Frage enthielt.

***

Zwei Tage später begegneten sie sich wieder. Lia hatte versucht, das Erlebnis zu verdrängen. Sie hatte gearbeitet, Entwürfe für ein Penthouse in Monte Carlo gezeichnet und sich eingeredet, dass sie sich den Ernst in den Augen des Toten nur eingebildet hatte.

Doch dann überkam sie die Vision.

Es passierte in ihrem Büro. Sie hielt gerade ein Farbmuster in der Hand, als der Boden unter ihren Füßen zu schwanken schien. Der Geruch von verbranntem Gummi stieg ihr in die Nase. Sie hörte das ohrenbetäubende Kreischen von Metall auf Metall. Regen peitschte gegen eine Windschutzscheibe, so heftig, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Und dann: eine rote Flagge, die schlaff im Wind hing, besudelt mit Schlamm und Öl.

Lia klammerte sich an ihren Schreibtisch, bis die Bilder verblassten. Ihr Atem ging stoßweise.

„Das war nicht hier“, flüsterte sie in den leeren Raum. „Das war nicht Monaco.“

„Nein“, sagte eine tiefe, ruhige Stimme direkt hinter ihr. „Es war Spa.“

Lia fuhr herum. In der Ecke ihres Büros, neben dem großen Fenster, stand er. Der Geist vom Fahrerlager. Er wirkte hier, in der kühlen Modernität ihres Arbeitszimmers, noch realer. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Hoffnung.

„Du kannst mich also wirklich sehen“, stellte er fest. Sein Akzent war leicht französisch, weich und kultiviert.

Lia schluckte trocken. „Wer bist du?“

Der Mann lächelte traurig. Es war ein schönes Lächeln, eines, das Wärme ausstrahlte, aber seine Augen blieben ernst. „Das spielt keine Rolle. Mein Name ist unwichtig für das, was kommen wird.“

„Du begleitest Lando Norris“, sagte Lia, ihre Stimme festigte sich langsam. „Warum? Bist du ein Verwandter?“

Der Geist schüttelte den Kopf. Er trat einen Schritt näher, und Lia spürte einen plötzlichen Kälteeinbruch in der Luft, ein vertrautes Zeichen für die Nähe des Todes. „Ich bin sein Wächter. Aber meine Kraft reicht nicht aus, Lia. Ich kann ihn warnen, ich kann in seinen Träumen flüstern, aber ich kann die Welt nicht berühren. Ich kann das Auto nicht stoppen.“

Lia schüttelte den Kopf. „Ich mische mich nicht in das Leben der Lebenden ein. Das habe ich noch nie getan. Es bringt nur Unglück.“

„Unglück ist das, was passiert, wenn du schweigst“, entgegnete er scharf. Er trat noch näher, bis er nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt war. Seine braunen Augen brannten vor Intensität. „Du hast es gesehen, nicht wahr? Den Regen. Das Wrack. Die Angst.“

Lia schloss die Augen, doch die Bilder der Vision brannten sich hinter ihre Lider. „Warum ausgerechnet er? Warum Lando?“

Der Geist seufzte, ein Geräusch wie Wind in den Bäumen. „Weil er das Herz dieses Sports ist. Und weil die Geschichte eine hässliche Angewohnheit hat, sich zu wiederholen. Ich werde nicht zulassen, dass es noch einmal passiert.“

„Wer bist du?“, wiederholte Lia verzweifelt. „Wenn ich dir helfen soll, muss ich wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

Der Mann schwieg einen Moment. Er blickte hinaus auf das Meer, dorthin, wo die Yachten der Superreichen im Hafen dümpelten. „Nenn mich einfach... einen Freund. Jemand, der weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Zeit plötzlich stehen bleibt.“

Er drehte sich wieder zu ihr um. „Du musst ihm näherkommen, Lia. Er muss dir vertrauen. Nur wenn er dir glaubt, wird er auf die Zeichen achten, wenn der Himmel über den Ardennen schwarz wird.“

„Ich bin eine Innenarchitektin, kein Groupie“, entgegnete sie sarkastisch, um ihre wachsende Angst zu verbergen. „Wie soll ich bitteschön einem Formel-1-Fahrer nahekommen? Er ist ständig von Bodyguards und Kameras umgeben.“

Der Geist trat an ihren Schreibtisch und deutete auf eine Einladung für die McLaren-Afterparty am Sonntagabend, die Lia eigentlich schon in den Papierkorb werfen wollte – ein Dankeschön eines Klienten, der einer der Sponsoren war.

„Geh hin“, sagte er schlicht. „Ich werde dafür sorgen, dass ihr euch trefft.“

***

Die Party war laut, überfüllt und rocht nach teurem Parfüm und Champagner. Lia fühlte sich in ihrem schlichten, dunkelblauen Seidenkleid deplatziert. Sie hielt sich am Rand des Raumes auf, nippte an einem Wasser und suchte die Menge nach einem Zeichen ab.

„Er ist da drüben“, flüsterte die Stimme des Geistes in ihr Ohr.

Sie zuckte zusammen. Der Mann stand direkt neben ihr, unsichtbar für alle anderen Gäste. Er wirkte in dieser Umgebung fast amüsiert. „Er hasst diese Veranstaltungen genauso sehr wie du. Schau ihn dir an.“

Lia folgte seinem Blick. Lando stand an der Bar, umringt von Leuten, die ihm auf die Schulter klopften, aber sein Grinsen wirkte gezwungen. Er wirkte müde, die dunklen Schatten unter seinen Augen waren selbst im gedimmten Licht erkennbar.

„Geh zu ihm“, drängte der Geist.

„Und was soll ich sagen? 'Hallo, ein Geist hat mich geschickt, um dir zu sagen, dass du in Spa sterben wirst'?“, zischte Lia leise.

„Versuch es mit etwas Subtilerem. Er mag Humor. Und Ehrlichkeit. Er ertrinkt in Heuchelei.“

Lia atmete tief durch, straffte die Schultern und bahnte sich ihren Weg durch die Menge. Als sie die Bar erreichte, wartete sie auf einen Moment, in dem Lando allein war.

„Ist der Gin hier wirklich so schlecht, wie du guckst, oder ist es nur die Gesellschaft?“, fragte sie trocken, während sie sich neben ihn stellte.

Lando blinzelte und sah sie überrascht an. Er schien einen Moment zu brauchen, um zu realisieren, dass sie nicht nach einem Selfie fragen wollte. Dann stahl sich ein echtes, wenn auch erschöpftes Lächeln auf sein Gesicht.

„Ehrlich gesagt? Beides“, gab er zu. „Ich glaube, der Gin ist eigentlich Batteriesäure.“

Lia lachte leise. „Ich bin Lia.“

„Lando. Aber das weißt du wahrscheinlich.“

„Ich weiß, dass du derjenige bist, der aussieht, als würde er lieber zu Hause Videospiele spielen, als hier zu sein.“

Landos Augen weiteten sich ein wenig. „Ist das so offensichtlich?“

„Nur für jemanden, der sich genauso fühlt.“

Im Augenwinkel sah Lia den Geist. Er stand nur wenige Meter entfernt und beobachtete die Interaktion mit einem Ausdruck tiefer Befriedigung. Er nickte ihr aufmunternd zu.

In diesem Moment geschah etwas Seltsames. Lando schien zu frösteln. Er rieb sich die Oberarme und sah sich verwirrt um. „Ist es hier drin plötzlich kälter geworden?“

„Vielleicht zieht es“, sagte Lia schnell, obwohl sie genau wusste, dass es die Präsenz des Geistes war, die Lando spürte.

Sie unterhielten sich noch eine Weile. Lando war überraschend bodenständig, charmant und – wie der Geist vorausgesagt hatte – sehr ehrlich, sobald er merkte, dass Lia keine versteckten Absichten hatte. Zumindest keine, die mit Ruhm oder Geld zu tun hatten.

Als sie sich später verabschiedeten, versprach sie, ihm ihre Nummer zu geben, damit sie ihm die „wirklich guten“ Bars in Monaco zeigen konnte.

Als Lia die Party verließ und in die kühle Nachtluft hinaustrat, materialisierte sich der Geist wieder an ihrer Seite.

„Das war ein guter Anfang“, sagte er.

„Ich mag ihn“, gestand Lia leise. „Er ist... er ist ein guter Mensch. Er verdient das alles nicht.“

„Niemand verdient es“, sagte der Geist, und seine Stimme klang plötzlich unendlich alt und müde.

„Warum sagst du mir nicht, wer du bist?“, fragte Lia erneut. „Wenn wir Partner sein sollen, muss ich dir vertrauen können.“

Der Mann blieb stehen und sah sie an. Sein Gesicht war halb im Schatten der Straßenlaternen verborgen. „Wenn ich dir meinen Namen nenne, wirst du mich in den Geschichtsbüchern suchen. Du wirst Statistiken lesen, Unfallberichte studieren und traurige Interviews sehen. Du wirst Mitleid mit mir haben.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich will kein Mitleid, Lia. Ich will, dass du dich auf die Zukunft konzentrierst. Auf Lando. Wenn alles vorbei ist, wenn er sicher durch die Kurven von Spa gekommen ist... dann werde ich es dir sagen. Ich verspreche es.“

Lia sah ihn lange an. Sie spürte die Integrität, die von ihm ausging, eine fast ritterliche Entschlossenheit. „In Ordnung. Aber du musst mir helfen. Die Visionen... sie werden stärker.“

„Ich weiß“, sagte er leise. „Die Zeit läuft uns davon. Spa ist nicht mehr weit.“

„Was ist in Spa?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.

Der Geist antwortete nicht sofort. Er blickte hinauf zu den Sternen, die über dem Mittelmeer funkelten. „Dort regnet es oft“, sagte er schließlich. „Und dort wartet der Schatten, den ich vor Jahren nicht besiegen konnte. Aber diesmal haben wir dich.“

Er lächelte sie noch einmal an – ein trauriges, geheimnisvolles Lächeln – bevor er sich langsam in der Dunkelheit auflöste.

Lia blieb allein zurück, das Rauschen des Meeres in den Ohren und das schwere Gewicht einer Verantwortung auf ihren Schultern, die sie nie gewollt hatte. Sie wusste jetzt, dass sie nicht nur um das Leben eines Rennfahrers kämpfte, sondern auch um den Frieden eines Mannes, der selbst im Tod nicht aufhören konnte zu lieben und zu beschützen.

Sie griff nach der Silberkette an ihrem Hals und drückte sie fest. Die Saison hatte gerade erst begonnen, aber der Einsatz war bereits höher, als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Und irgendwo in der Ferne, hinter den Bergen und Grenzen, wartete Spa-Francorchamps – der Ort, an dem sich ihr Schicksal entscheiden würde.
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